Südostschweiz: Wenn Essen der neue Papst wird



Früher, vor einer ganz langen Zeit, so Mittelalter und so, gab es einmal eine Kirche. Das sind die komischen, zu gross geratenen Häuser, immer leer, immer zu gross, trotzdem immer im Stadtzentrum. Eigentlich haben sie objektiv gesehen noch etwas mit Industriebaracken gemeinsam. Industriebaracken mit Kirchenkunst und Orgelklängen. Auf jeden Fall gab es einmal eine Zeit, wo die Kirchen voll waren, jeder das Vater unser rückwärts buchstabieren konnte und alle Welt wusste, dass ein Löwenbaby erst zum Leben erwacht, wenn der Vater es abgeschleckt hat.


Heute gibt es noch die Kunst, die Orgel und die Gottesdienste am Sonntag. Für die sind die Gebäude aber eben meistens recht überdimensioniert. Der Grund liegt nicht daran, dass die Mehrheit der Menschen ungläubig ist und durch bessere Schulbildung die Löwenstory nicht mehr glaubt. Es gibt eine neue Religion: Das Essen. Ich persönlich habe gerade eine Ernährungsumstellung durch. Von glutenfrei-ovo-lacto-vegetarisch mit Tofupräferenz bin ich jetzt neu fructarisch-vegan-laktosefreier Rohköstler. In einem Restaurant schauen die Leute mich immer ein bisschen komisch an, aber bei meinen Allergien gegen eigentlich alles ausser Früchte und Gemüse ist das Leben halt kein Zuckerschlecken. Zucker ist natürlich verboten, mein überlebenswichtiger Kaffee schädigt das Herz und ein Schluck Wein zerstört das menschliche Sein. 

Vor allem jetzt in der Vorvorweihnachtszeit und der PräGuetzliphase startet das gesunde Leben mit vielen durch. Alle wollen auf den Familienföteli in zwei Monaten schön schlank in die Kamera lächeln und dann an Weihnachten richtig reinhauen, weil man ja vorher so richtig schön gesund gelebt hat. Das macht wie vieles im Leben keinen Sinn, aber das muss vermutlich so sein. Mein Tipp für Migros und Coop: Verbannt euere sowieso viel zu frühen Samichläuse und Lebkuchenherzen und stellt um auf Fitnessfood. Low Carb, Low Fat, High Protein, keine tierischen Produkte und ein Einkaufsratgeber mit Hypnose zur Sportmotivation mit einer extra Antihungerportion. Aber Achtung sogar hier lauern Gefahren für alle Gesunden: Zu gesund ist das neue Ungesund mit dem Namen Orthorexia nervosa. Wer sich nur noch mit der täglichen Meditation, der perfekten Fitnessration und dem klinisch cleanen Essen beschäftigt, hat bis Weihnachten vielleicht keine Freunde mehr und auf jeden Fall keine Freude am Guetzlispass. 

Bis zum nächsten Bikinisommer geht es zum Glück ja noch eine Weile, wieso deshalb die Eile? Ob du an Weihnachten Oversize oder Plussize trägst, spielt rein optisch fast keinen Unterschied. Da sieht niemand, dass du statt Novemberblues mit Netflix Abenden und heisser Schokolade schweisstreibend deine Squats, Burpys und Push-ups gemacht hast. Einzig beim Christbaumschmücken kannst du dann deine Trainingseinheiten vorweisen. In die Knie, Kugel auswählen, wieder hoch, Kugel aufhängen. Und wem das zu wenig streng ist: In die Plank, einhändig Kugel auswählen, aufspringen, Kugel aufhängen und zweimal um den Tannenbaum rennen. Das nenne ich einmal ein perfektes Weihnachtsworkout. Und wer sich nicht einmal für dieses Weihnachtsworkout à la Lexi begeistern kann, der soll doch einfach wieder in die Kirche gehen. Amen.

Dieser Text wurde am Samstag 04.11.2017 in der Südostschweiz Region Glarus veröffentlicht. Die nächste Lexi like Kolumne erscheint am 18.11.2017. 

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